archiviertes Interview aus 'Schwänchens Blog' in der Version vom 17.1.2012. Text: © Daniele Schwan

Traumberuf Topmodel?

Ex-Fotomodell und Neu-Autorin Inga Tränker verrät, wie es in der Branche wirklich zugeht (17.1.2012)

Traumberuf: Model. Mit Schönheit Geld verdienen? Nichts leichter als das, denken viele Mädels - 13.374 von ihnen stöckelten zuletzt hoffnungsfroh zu Heidi Klums Castingshow „Germany’s next Topmodel“. Jetzt bekommt La Klum selber Konkurrenz. Ihre Top-Kolleginnen Eva Padberg und Karolina Kurkova starten am 31. Januar mit ihrer VOX-Show „Das perfekte Model“. Anlass genug für Schwänchen’s, mal hinter die Kulissen zu blicken. Wir trafen uns mit Inga Tränker, die in Schwabing für die Kamera entdeckt wurde, um die halbe Welt jettete und schon international Karriere machte, als Models noch Mannequins hießen. Über ihre Erfahrungen schrieb sie jetzt ein Buch, einen Roman mit fiktiven Passagen, aber auch mit biografischen Elementen und vielen persönlichen Einflüssen. Titel: „DER SÜNDIGE MÖNCH“. Auf der Leipziger Buchmesse, heuer vom 15. bis 18. März, wird Inga Tränker ihr Romandebüt vorstellen.

Hallo Inga, Du warst selbst ein gefragtes Model. Was hältst Du von den ganzen Model-Casting-Shows im Fernsehen?

Inga Tränker: „Gar nichts. Diese Auswahl - du bist es, du bist es nicht - ist ziemlich hart und unfair für die Mädchen. Das auszuhalten, noch dazu in der Öffentlichkeit, ist eher peinlich. Die jungen schönen, aber auch naiven Mädchen tun mir echt leid, und ich schalte sofort auf einen anderen Sender um. Das kann ich mir nicht anschauen, wie die hübschen Mädchen behandelt werden. Da geht es doch nur noch ums Geschäft, auf Kosten der Psyche der jungen Mädchen. Ich finde es verantwortungslos.

Du hast von 1969 bis 1974 international als Topmodel gearbeitet. Für wen denn alles?

Inga Tränker: „Gunter Sachs war darunter, die Fotografen Jochen Harder, Harry Becker und Kai Marholz, aber auch Firmen wie Dior, Estée Lauder, Römerquelle, Frankenbrunnen, Zeis Ikon Brillen, Irma La Duce Wäsche, Kadus Haarspray, Sans Soucis Make-up, Margaret Astor, SportScheck, Triumph. Und nicht zuletzt Magazine wie die deutsche ‚Vogue’, ‚Playboy’, der Fotograf war Herbert Hesselmann, und ‚Penthouse’.“

Eine ganze Menge Auftraggeber – da hast Du sicherlich auch viel von der Welt gesehen?

Inga Tränker: „Ja, fast alle Länder. Für die Fotoshootings war ich in Städten wie London, Las Palmas, Rio de Janeiro, Colombo auf Sri Lanka, Stockholm, Teheran, Las Vegas, New York, Wien, Rom, Paris, Dehli, Zürich, Genf, St. Tropez und Palma. Wir haben auf Aufnahmen in der Karibik gemacht, auf den Malediven, Malta und Grönland.“

Das klingt nach einem echten Jet-Set-Leben. War es damals schwierig, an Aufträge heranzukommen?

Inga Tränker: „Nein, es war leicht, da ich einen guten Agenten hatte. Es war wie in einer großen Familie.“

Du warst in einer Agentur?

Inga Tränker: „Ja, sogar in mehreren. Zum Beispiel in ‚Gunther Models’, der angesagtesten Agentur Münchens. Als Gunther dann an Aids starb, ging ich zu ‚Gunther Models’ in Hamburg und Stuttgart. Ich war aber auch bei Foto Gen in der Schweiz, Fashion Models Mailand, The Models und beim Künstlerdienst in München und Düsseldorf.“

Wer waren die wichtigsten Entscheidungsträger?

Inga Tränker: „Das waren die Frauen in Redaktionen wie ‚Bravo’, ‚Freundin’, ‚Girls’ und ‚Brigitte’, Werbeagenturen oder die Booker von Katalogen.“

Welches waren denn die wichtigsten Kriterien, um überhaupt Erfolg in der Branche zu haben?

Inga Tränker: „Sehr gutes Aussehen natürlich, man sollte jung und dünn sein. Nase, Mund, Augen, Beine, Po und Haare sollten einfach perfekt sein. Natürlichkeit war gefragt oder auch ein exotischer Typ. Models sollten nicht nur fotogen sein und sich gut bewegen können, wer für TV-Spots arbeiten wollte, musste außerdem telegen sein und möglichst auch vor der Kamera gut sprechen können.“

Was war das die höchste Gage, die Du je erhalten hast? 

Inga Tränker: „Das war eine sechsstellige Zahl für einen Werbespot, 1977 für das Mineralwasser ‚Frankenbrunnen’. Das war der absolute Knüller. Ich ritt elegant als erotische Witwe, ganz in Schwarz, tief dekolletiert mit Hütchen auf dem Kopf und Schleier vorm Gesicht auf einem schwarzen edlen Trakehner. Das war das geilste Gefühl, das ich je hatte. Ein unvergesslicher Morgenritt durch das nebelige feuchte Moor. Der Hammer.“

Weißt Du noch die durchschnittlichen Tagesgagen?

Inga Tränker: „Also, als Model in den 70-er Jahren bekam ich zum Beispiel 600 Mark für Modeaufnahmen, 800 Mark für einen Werbeauftrag und 1.200 Mark für eine Unterwäsche-Fotoproduktion.

Es gab sicherlich noch mehr unvergessliche Produktionen, welcher Model-Job ist Dir am meisten in Erinnerung geblieben?

Inga Tränker: „Das war noch ziemlich am Anfang. Ich kam im Studio in Las Vegas mit einem hellrosa Cadillac an, dazu Musik von Elvis Presley, ‚Love me tender’. Hey, war das supergeil. Ich knappe 21 Jahre alt, ganz cool, mit abgerissenen, hellblauen Jeans, ungeschminkt, mit Sonnenbrille. Ich hatte zwar überall schöne große dunkelblaue Flecken an Oberarmen und Schenkel – aber ich trug ganz lässig einen schweren beigefarbenen Seesack mit all meinen High Heels über der Schulter. Danach musste ich eine hohe Konventionalstrafe von tausenden Dollar an den Kunden für den Ausfall der Produktion zahlen.“

Und was war das für eine Produktion?

Inga Tränker: „Ich sollte für einen bekannten amerikanischen Schmuckdesigner einen etwas verruchten goldenen Weihnachtsengel präsentieren. Im knappen Minirock und oben ohne sollte ich im Spielsalon ‚El Rancho’ an einem Spieltisch sitzen, stehen oder liegen, je nachdem, was vorgesehen war. Aber mit meinen Blessuren durfte ich auf keinen Fall vor der Kamera posieren, denn die dunkelblauen, fast schon schwarzen Flecken wurden immer sichtbarer. Da half auch kein Retuschieren mehr. Und ich flog weinend nach Deutschland zurück.“

Was war denn Dein schönsten Erlebnis in Deiner Model-Ära?

Inga Tränker: „Ich liebte meinen wunderschönen, lockigen, schwulen Agenten Gunther abgöttisch. Schon wenn ich seine dunkle, angenehme Stimme hörte, glühten meine Wangen, und es verschlug mir die Stimme. Ich zitterte richtig, wenn ich in seiner Nähe war.“

... und woran denkst Du gar nicht gern zurück?

Inga Tränker: „Da ich makellose Beine hatte, wurde ich über eine Agentur mal für eine sehr bekannte Strumpfmarke in die Schweiz nach Genf gebucht. Gut gelaunt fuhr ich mit dem Taxi zur angegebenen Adresse und wunderte mich schon die ganze Zeit, dass dort überall große Villen standen. Hier soll das Fotostudio Guido sein? Ich hatte zwar ein komisches Gefühl, klingelte aber trotzdem zaghaft an der Pforte einer alten weißen Villa mit einem traumhaften Blumengarten. Und die Nummer 1 stimmte, wie angegeben. Ein sehr hübsches, junges, arabisches Mädchen mit knappen rotem, durchsichtigen Kleidchen öffnete. ‚Hi’, sagte sie, und ehe ich mich versah, war ich in einem wunderbaren, großen goldenen Käfig, wie aus Tausend und einer Nacht. Arabische Musik klang laut in meinen Ohren, überall alte Araber mit weiß bestickten Turbanen, dunkle, geheimnisvolle Gesichter, ihre weißen Zähne blitzten, und viele junge hübsche Mädchen mit den schönsten Bodies. Ein wildes Bild. Partytime, und was für eine. Alle lagen übereinander, turtelten, knutschten, vögelten oder rauchten nackt wie in Trance an großen Wasserpfeifen. Es ging heiß zur Sache.

Oha. Und wie hast Du reagiert?

Inga Tränker: „Ich bekam gleich eine Menge Koks auf einem goldenen Tablett von einem dieser sexy Mädchen serviert und nahm zitternd einen kräftigen Zug durch die Nase. Huch, ist das geil, schoss es mir noch durch den Kopf. Im selben Moment wurde mir total schlecht, unheimlich zumute. Angst stieg in mir hoch, wie komme ich hier bloß wieder heraus? Ich schrie wohl um Hilfe, auf einmal drehte sich alles, und ich fiel in Ohnmacht. Im Krankenhaus wachte ich dann wieder auf, und mein Kopf hämmerte erbarmungslos. Noch mal Glück gehabt... Irgendjemand hatte bei den vielen Telefonaten zwischen meiner Agentur und dem Fotostudio wohl die Adresse verwechselt und mich dann aus Versehen zu dieser Orgienparty geschickt.“

Hast Du auch Zickenkrieg unter den Models erlebt?

Inga Tränker: „Fürchterlich. Jede hat was auszusetzen an der anderen, an ihren Beinen, wenn sie zu kurz waren, oder am Busen. Wenn er zu sehr stand, hieß es gleich, ‚ist der operiert?’ Oder ob der Schmollmund vielleicht aufgespritzt ist. Immer den anderen ins Gesicht lächeln, aber hinter dem Rücken reden, bis zur übelsten Nachrede. Immer war auch Eifersucht im Spiel, eine andere könnte ja mehr Jobs haben und mehr Geld verdienen. Es gab leider keine Freundinnen, nur Neid und Missgunst.“

Was hast Du alles getan, um in Form zu bleiben? 

Inga Tränker: „Wenig gegessen, kein Alkohol, keine Zigaretten, früh ins Bett gegangen. Aber ich hatte viel Glück, meine Figur war auch ohne Sport und und ohne teure Cremes immer gut.“

Und warum hast Du schon so früh mit dem Modeln aufgehört?

Inga Tränker: „Ich von allem so richtig die Nase voll. Immer funktionieren, immer schön sein und lächeln, lächeln. Dünn sein, pünktlich sein, einfach immer perfekt. Das war der helle Wahnsinn und sehr anstrengend. Ich hatte einfach keine Kraft mehr. Ich hatte zwar noch sehr viele Aufträge für Kataloge, aber ich bin einfach von heute auf morgen ausgestiegen. Die Agentur verstand es überhaupt nicht, aber selbst die konnte ich nicht mehr aushalten. Immer dieser ständige Zwang, dieses ewige ‚Du Musst’. Ein bisschen hatte ich auch den Hintergedanken, vielleicht mal in einem Film mitzuspielen, denn ich hatte in den Siebzigern eine Liebesaffäre mit dem Regisseur Klaus Lemke, und der war gerade schwer angesagt.“

War es damals leichter oder eher schwieriger für Models, Karriere zu machen?

Inga Tränker: „Ich denke, es war leichter, denn es gab ja viel weniger Models. Viele Mädchen hatten vielleicht den Traum, aber zu der Zeit, in den Siebzigern, hatte ich wenig Konkurrenz. Ich hatte einen absolut perfekten Body und mich auf Unterwäsche spezialisiert und viel für meinen großen Kunden Triumph gearbeitet. Erst Ende der 70-er Jahr kamen die amerikanischen Mädchen in Scharen und überfluteten Deutschland. Sie nahmen den deutschen Model viele Jobs weg, und die Agenturen verdienten natürlich weitaus mehr Geld, weil sie neue Gesichter hatten.“

Was rätst Du jungen Mädchen, die Model werden wollen?

Inga Tränker: „Einen Beruf gelernt zu haben oder ein abgeschlossenes Studium, damit sie nicht enttäuscht werden können, wenn sie auf einmal nicht mehr gefragt sind, weil eine andere vielleicht einen größeren Busen hat. Heute bist du der Star und morgen schon nicht mehr. Das hebt nicht gerade das Selbstwertgefühl. Realistisch bleiben, dann kann man mit seinem schönen Aussehen schon Geld verdienen. Und wenn man anfangs beruflich noch nicht so eingespannt ist, kann man doch nebenbei als Model jobben. Und vor allen Dingen nicht so ernst nehmen, denn es ist doch ziemlich hohl und nur eine schillernde, künstliche Welt und außerdem sehr gefährlich, mit Alkohol oder Drogen in Berührung zu kommen. Das macht später sehr einsam und kaputt. Vorsicht, also.“

Inzwischen hast Du Deine Erlebnisse in Deinem Buch festgehalten...

Inga Tränker: „Ja. Der hocherotische, spannende, spirituelle Roman handelt von dem jungen schönen Topmodel Romy de la Mare. Sie ist sehr unglücklich, ihre Seele schrie, das Herz tat weh vor Trauer. Aus der Einsamkeit und Verlorenheit begibt sie sich auf die Suche nach innerer Erfüllung. Sie geht in ein Kloster und lernt dort einen farbigen, buddhistischen Sri Lanka-Mönch kennen, verliebt sich in ihn und wird seine Geliebte. Doch dann kommt alles ganz anders, aber mehr verrate ich jetzt nicht... Das sollen die Leser lieber selber erfahren, wenn sie mein Buch kaufen.“

Hast Du beim Schreiben manchmal mit Wehmut zurückgeblickt?

Inga Tränker: „Ja und nein. Manchmal habe ich dabei geweint, manchmal gelacht. Und dann fand ich es auf einmal besonders schön, jetzt hier zu sein, so stark den Moment zu spüren, die Wertschätzung für meine eigene Werke und dass ich eigentlich eine große Schatzkiste besitze. Übers spannende Leben schreiben zu können und anderen Menschen damit etwas Kostbares zu geben, das gibt mir ein warmes, glückliches Gefühl.“

Auch als Künstlerin hast Du Dir inzwischen weltweit einen Namen gemacht. Viele Deiner Lieblingssujets auf Deinen Bildern sind Models ...

Inga Tränker: „Ja, ich liebe sie sehr auf meine Art und Weise. Jedes in den verschiedensten großen Formen, ausgefallenen Formaten, in starken Farben, wie Rot, Gelb, Gold, Grün zu malen, und jetzt auch in Pink und Lila die schöne rothaarige Romy zu malen, herrlich.“

Interview: Daniela Schwan

„DER SÜNDIGE MÖNCH“, Wagner Verlag, 14.90 Euro, Bestell - Info, ISBN 978-3-86279-272-6,

Tel. 06051 8838 10, (63571 ) Gelnhausen Langgasse 2

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